29.04.2010
Griechische Krankheit

Eine kurze Geschichte der Überschuldung

DIE EUROPÄISCHE Schuldenhistorie beginnt dort, wo sie gerade ihre neueste Wendung nimmt: in Griechenland. Hier setzte im Jahr 594 v. Chr. Solon, einer der höchsten Beamten in Athen, einen radikalen Schuldenerlass durch, der zahllose Kleinbauern davor bewahrte, von ihren Gläubigern als Sklaven verkauft zu werden. Schulden zu streichen, ohne sie mit Zwangsarbeit oder Gefängnis zu bestrafen: ein humaner Gedanke, der unter den Mächtigen des Kontinents schnell zu einem Leitmotiv ihrer Haushaltspolitik avancierte.
 
Schon 69 n. Chr. hätte ein römischer Arbeiter 40 Millionen Jahre lang schuften müssen, um das Defizit seiner Cäsaren zu tilgen (den aktuellen Schuldenberg Deutschlands müsste ein Normalverdiener ähnlich lange abtragen). Die Großmeister des Staatsbankrotts jedoch finden sich unter den europäischen Monarchen der Neuzeit - etwa Philipp 1I. von Spanien, der zwischen 1557 und 1596 gleich drei Insolvenzen hinlegte. Geradezu bescheiden liest sich dagegen die Empfehlung des Abbè Terray, bis 1774 Finanzminister in Frankreich: Alle 100 Jahre, riet er, sollte ein Herrscher den Bankrott erklären - anders seien die Bilanzen nicht in Ordnung zu halten. Mit acht Pleiten zwischen 1500 und 1800 erfüllten seine Landsleute dieses Soll mühelos.
 
Langfristig ist die Pleite der öffentlichen Hand bis heute nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Portugal war im 19. Jahrhundert fünfmal zahlungsunfähig, genau wie die Türkei im 20. Jahrhundert. Und die Griechen? Von den vergangenen 180 Jahren verbrachten sie rund die Hälfte in Zahlungskrisen, fest eingerichtet in der Insolvenz wie der französische Autor Honorè de Balzac, der nach seinem Bankrott 1827 das Lehrbuch zum Thema verfasste: "Die Kunst, seine Schulden zu bezahlen und seine Gläubiger zu befriedigen, ohne auch nur einen Sou selbst aus der Tasche zu nehmen".
 
Quelle:
GEO 04/2010
Seite 18
k_zusatz6
LGS Burghausen 2
k_s6_b1
k_s8_b11